Pflegeausbildung 2026: Warum mehr Azubis nicht automatisch mehr Fachkräfte bedeuten
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Personalberater.de Redaktion
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Ausbildungszahlen in der Pflege steigen, doch viele Azubis brechen ab oder wechseln nach dem Examen in die Zeitarbeit. Ein Blick auf die Ursachen.
64.300 junge Menschen haben 2025 eine Ausbildung zur Pflegefachkraft begonnen, acht Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die generalistische Pflegeausbildung erreichte damit einen neuen Höchststand: 158.000 Personen befanden sich zum Jahresende in der Ausbildung, so viele wie nie zuvor seit ihrer Einführung 2020. Die Zahl klingt nach einer gelösten Krise. Ein Blick auf den Verbleib der Jahrgänge relativiert das Bild deutlich.
Von den Auszubildenden, die 2020 in die neue Ausbildung starteten, hatte laut einer Auswertung der Gewerkschaft Verdi drei Jahre später nur jeder Zweiteeinen Abschluss vorzuweisen. Andere Erhebungen zeichnen ein noch schärferes Bild: Der Verband bpa spricht für Nordrhein-Westfalen von einer Abbrecherquote von 46 Prozent. Brandenburgs Gesundheitsministerin nennt für ihr Bundesland dagegen einen Wert von 15,4 Prozent. Die Datenlage ist uneinheitlich, die Richtung nicht. Mehr Ausbildungsverträge lösen ein Mengenproblem. Das Bindungsproblem nach dem Examen bleibt davon unberührt.
Der Praxisschock zwischen Lehrplan und Station
Das Bundesinstitut für Berufsbildung benennt in einer Handreichung von 2025 einen zentralen Grund für die Abbrüche: einen sogenannten Praxisschock. Gemeint ist die Kluft zwischen dem, was Auszubildende in der Schule erwarten, und dem, was sie im Schichtdienst tatsächlich erleben. Drei Faktoren tauchen in der Analyse besonders häufig auf:
Zeitdruck, der planmäßige Lernsituationen zur Ausnahme macht.
Emotionale Belastung, auf die kaum jemand strukturiert vorbereitet.
Fehlende feste Ansprechpersonen, wenn Fragen im Alltag genau dann auftauchen, wenn niemand Zeit hat, sie zu beantworten.
„Die Azubis merken im ersten Jahr, dass Theorie und Stationsalltag zwei verschiedene Sprachen sprechen, und oft fehlt genau in diesem Moment jemand, der übersetzt.“, sagt eine Pflegepädagogin aus Nordrhein-Westfalen, die seit Jahren Praxisanleitungen begleitet.
Besonders häufig zeigt sich der , wenn Auszubildende erstmals eigenständig Verantwortung übernehmen sollen. Wer in dieser Phase ohne Begleitung durch den Schichtdienst geht, zieht daraus schnell den Schluss, der Beruf sei nichts für ihn. Der Abbruch fällt dann nicht wegen fachlicher Überforderung, sondern wegen .
Bruch im ersten Ausbildungsjahr
fehlender Orientierung im System
Praxisanleitung: unterbesetzt und nebenbei erledigt
Formal ist die Praxisanleitung im Pflegeberufegesetz klar geregelt, mit festen Vorgaben zum Verhältnis zwischen Auszubildenden und Anleitenden. In der Praxis konkurriert diese Aufgabe jedoch mit der regulären Pflegetätigkeit am Bett. Viele Einrichtungen finden nicht genug Personal, das die zusätzliche Qualifikation zur Praxisanleitung mitbringt und gleichzeitig Zeit dafür freigestellt bekommt. Der Effekt ist paradox: Ein Mangel an Praxisanleitung verschärft genau den Personalengpass, den die Ausbildung eigentlich beheben soll.
Wissenschaftlich ist der Zusammenhang gut belegt. Fachliteratur zur Berufseinmündung in der Pflege zeigt, dass Art und Qualität der Einarbeitung direkten Einfluss darauf haben, ob neue Kolleginnen und Kollegen im Betrieb bleiben oder ihn nach kurzer Zeit wieder verlassen. Wer keine strukturierte Begleitung erhält, sucht sich seinen Arbeitgeber im zweiten oder dritten Anlauf selbst aus. Für Einrichtungen, die ihre Fachkräftebindung ernst nehmen, wird die systematische Personalplanung damit zur Voraussetzung für jede Ausbildungsinvestition, nicht zu deren Ergänzung.
Kleinere Träger stehen dabei vor einem besonderen Dilemma. Wer nur wenige Vollzeitstellen besetzt hat, kann kaum jemanden dauerhaft für die Anleitung freistellen, ohne die Grundversorgung zu gefährden. Größere Häuser lösen das Problem eher durch feste Anleiter-Pools, kleinere Pflegedienste bleiben häufig auf Ad-hoc-Lösungen angewiesen.
Vom Examen direkt in die Zeitarbeit
Wer die Ausbildung übersteht, landet nicht automatisch in der Festanstellung des ausbildenden Betriebs. Nach Sonderauswertungen der Bundesagentur für Arbeit arbeiten rund 12.000 Pflegekräfte in der Altenpflege und 22.000 in der Krankenpflege in Zeitarbeit, mit weiter steigender Tendenz. Ein beachtlicher Teil davon war zuvor fest angestellt. Der Grund liegt selten in mangelnder Bindung an den Beruf, sondern in besseren Arbeitsbedingungen: mehr Mitspracherecht bei der Dienstplangestaltung, oft höhere Vergütung und die Möglichkeit, Einsätze und Einrichtungen zu wechseln.
Seit Juli 2026 gilt für examinierte Pflegefachkräfte ein Pflegemindestlohn von 21,03 Euro pro Stunde. Zeitarbeitsfirmen zahlen bei entsprechender Qualifikation und Bereitschaft zu Nachtoder Intensivdiensten teils deutlich mehr. Für Einrichtungen entsteht daraus eine unangenehme Rechnung: Wer die Ausbildung finanziert, zahlt am Ende oft weniger als der Wettbewerber, der lediglich vermittelt.
„Wir bilden aus, investieren in Praxisanleitung, und drei Monate nach dem Examen sitzt die neue Kollegin über eine Leasingfirma am Nachbarbett.“, beschreibt eine Einrichtungsleiterin aus Süddeutschland die Erfahrung vieler Träger.
Was Einrichtungen aus den Zahlen lernen sollten
Die Ausbildungsoffensive der vergangenen Jahre hat ihr Ziel erreicht: Es gibt mehr Ausbildungsplätze und mehr Interessierte. Das strukturelle Problem liegt eine Etage tiefer, im ersten Berufsjahr nach dem Examen, in dem sich entscheidet, ob eine Fachkraft bleibt oder wechselt. Genau hier setzen Einrichtungen an, die auf verbindliche Mentoring-Programme, freigestellte Praxisanleitung und eine gezielte Rekrutierungsstrategie für examinierte Fachkräfte setzen, statt sich allein auf steigende Azubi-Zahlen zu verlassen. Mehr Ausbildungsplätze schaffen mehr Anfänge. Wer daraus dauerhafte Teams machen will, muss den Übergang vom Examen in den Berufsalltag aktiv gestalten.
Konkret heißt das: ein fester Ansprechpartner für die ersten sechs Monate nach dem Examen, regelmäßige Feedbackgespräche statt Zufallskontakte und eine Vergütung, die den Vergleich mit der Zeitarbeit nicht scheuen muss. Keine dieser Maßnahmen ist neu. Konsequent umgesetzt wird sie bislang nur in wenigen Häusern. Am Ende bleibt eine nüchterne Beobachtung: Die Statistik zählt Verträge, nicht Verbleib. Wer beides verwechselt, wird auch 2027 wieder über Rekordzahlen berichten und trotzdem über denselben Personalmangel klagen.
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Quellen:
Statistisches Bundesamt (2026): Pflegeausbildung – Zahl der Neuverträge steigt kräftig
kma-Online (2026): Pflege – New Work gegen den Fachkräftemangel, Auswertung der Gewerkschaft Verdi